Mitteldeutschland ist nicht gerade als bedeutende Region des Gregorianischen
Chorals bekannt. Im frühen Mittelalter gehört es gewissermaßen
zu den gregorianischen "Empfängerländern". Aus dieser Zeit
sind im Vergleich mit West- und Süddeutschland nur wenige liturgische Bücher
oder Fragmente erhalten, deren mitteldeutsche Provenienz
größtenteils unsicher ist. Immerhin verlagerte sich der Schwerpunkt
des Ottonenreiches im 10. Jh., also etwa zu Beginn der Verschriftlichung der
Choralmelodien, an den nördlichen Harzrand. Damit ging die Neugründung
bzw. Aufwertung kirchlicher Zentren einher. Beispiel Quedlinburg. Quedlinburg
beherbergte eine benediktinische Reichsabtei und ein berühmtes Damenstift.
Aus Quedlinburg stammen eine Reihe erhaltener hervorragender liturgischer Handschriften:
- Otto-Adelheid-Evangeliar, Domschatz, Katalog Nr. 8. Um 1000. Darin zu Anfang
eine neumierte Benedictio cerei (fol. 4v)
- Quedlinburger Antiphonale ,
um 1050
- Graduale aus Quedlinburg, 2. H. 12. Jh.; Berlin,
Staatsbibliothek, Hdschr. mus. 400078, [6]
Obwohl beide Handschriften bedeutende Quellen darstellen - das Antiphonale lässte
sich durchaus Sankt Gallen Stiftsbibl. Hs. 390/391 an die Seite stellen und
das Graduale entsprechend Graz Universitätsbibl. Hs. 807 - wurden sie in
der jüngeren Choralforschung bisher kaum beachtet.
Im späteren Mittelalter nimmt das Gebiet des heutigen Sachsen, Thüringen
und Sachsen-Anhalt an den liturgischen Entwicklungen des übrigen Reiches
gleichrangig teil. Zeugnisse hierfür sind beispielsweise das Graduale der
Thomaskirche zu Leipzig und die Naumburger Chorbücher [1],
[2]. In jüngster Zeit ist in der Nähe von Jena ein Fragment
aufgetaucht, welches Reste eines Missale aus dem Anf. d. 13. Jh. mit Neumennotation
und eines Festgraduale
des 14. Jh. vereinigt und einige interessante Besonderheiten aufweist.
Nach der Reformation gingen viele lateinische liturgische Bücher verloren.
Gleichzeitig bemühten sich zahlreiche evangelische Autoren um die Übertragung
liturgischer Gesänge ins Deutsche, wobei auch die Melodien dem Deutschen
angepasst wurden [3]. Immerhin blieb im Bereich des Lutherischen
Bekenntnisses vereinzelt die altkirchliche Liturgie bis ins 18. Jh. lebendig,
so u.a. in Leipzig und an den evangelischen Domstiften [4],
[5].
Im 20. Jh. kam es auch in Mitteldeutschland zur liturgischen Erneuerung. Anhänger
der verschiedenen evangelischen liturgischen Bewegungen - Kirchliche
Arbeit Alpirsbach (KAA), Michaelsbruderschaft
und andere- wirkten z.T. an den mitteldeutschen Kirchenmusikhochschulen und
befruchteten so das regionale kirchenmusikalische Leben. Seit dem Ende der 1940er
Jahre führte zunächst Dr. Erhart Paul regelmäßige Singwochen
im Rahmen des Singwochenprogramms der Evangelisch Lutherischen Landeskirche
Sachsens durch, bei denen neben Figuralmusik auch Stundengebet nach Alpirsbacher
Antiphonale gehalten wurde. Später leitete diese Singwochen der sonst
mehr als Cembalist und Organist bekannte Kirchenmusiker Walter Heinz Bernstein
aus Leipzig. Beide Kantoren waren bei Friedrich Buchholz in die Lehre gegangen.
In den 1950er Jahren gründeten lutherische Theologiestudenten in Leipzig,
die diesem Kreis verbunden waren, die Evangelisch
Lutherische Gebetsbruderschaft. Die Hauptanliegen ihres Statutes waren
von Anfang an: 1. Lutherisches Bekenntnis (Confessio Augustana), 2. regelmäßige
sonntägliche Eucharistie, 3. Breviergebet mit gegenseitiger Fürbitte.
Die Evangelisch Lutherische Gebetsbruderschaft benutzt ein eigenes Brevier
in deutscher Sprache, das die 150 Psalmen auf vier Wochen verteilt und das gesamte
Kirchenjahr umfasst. Die Melodien basieren z.T. auf dem Alpirsbacher Antiphonale
mit Ergänzungen von E. Paul und W. H. Bernstein. Auch in den Eucharistiefeiern
der Bruderschaft werden grundsätzlich deutsche Messgesänge (nach F.
Buchholz) verwendet.
Nach 1949 führten die staatliche Trennung von Westdeutschland und der dadurch
stark reduzierte Austausch mit Alpirsbach, die eigene musikalische Produktivität
von E. Paul und ebenso von W. H. Bernstein sowie der geistige Einfluß
der Bruderschaft zur Verselbständigung eines Teils der mitteldeutschen
evangelischen liturgischen Bewegung Buchholzscher Prägung. Da die Alpirsbacher
Bücher in der DDR nicht käuflich waren, wurden - um nur ein Charakteristikum
zu nennen - die Stundengebetshefte handschriftlich kopiert, später handgeschriebene
Vorlagen im Lichtpausverfahren vervielfältigt. Dabei kam es natürlicherweise
bald zu - mit Alpirsbach nicht abgestimmten - Revisionen, Ergänzungen und
Umgestaltungen. Es bleibt zu erwähnen, dass unabhängig von dieser
Entwicklung unter der Leitung von Kantor Lothar Fleischer, Plauen, während
der Jahre der DDR in Gernrode Alpirsbacher Wochen stattfanden. Hier wurden
weiterhin die Alpirsbacher Hefte verwendet, und dieser Teil der ostdeutschen
liturgischen Bewegungen schloss sich ohne weiteres nach 1989 wieder der KKA
an.
Aus dem Drang nach den Quellen bezog W. H. Bernstein seit Anfang der 80er Jahre
regelmäßig ein lateinisches Meßordinarium und ein lateinisches
Meßproprium ins Programm der von ihm gegründeten Gregorianischen
Arbeitswochen ein. 1982 gründete B. Gröbler, der sich seit Beginn
der 70er Jahre den Gregorianischen Singwochen angeschlossen hatte, den Liturgischen
Singkreis Jena. Hier bildete von Anfang an der lateinische Choral das Hauptanliegen.
1987 übernahm B. Gröbler auch die Leitung der Gregorianischen
Arbeitswochen, im Jahr 2000 folgte ihm S. Seltmann in dieser Funktion.
Beim Übergang der Arbeit des Liturgischen Singkreises Jena vom Alpirsbacher
Antiphonale zum lateinischen Choral - also etwa um 1980 - wurde schnell fühlbar,
daß es an Kenntnissen zur historisch fundierten Interpretation fehlte.
Die Voraussetzungen zur Besserung dieses Zustandes waren in der DDR denkbar
schlecht: im Handel keine, in Bibliotheken nur veraltete Fachliteratur, an keiner
Universität oder Musikhochschule ein entsprechendes Lehrfach oder aktuell
unterrichtete Fachleute, zum Glück in einigen Bibliotheken die Paléographie
Musicale.
In Korrespondenzen mit den erreichbaren Mediaevisten (darunter einigen Schülern
Heinrich Besselers), in mühsamer Beschaffung von moderner Literatur von
jenseits der Grenzen des Ostblocks, im fleißigen Abschreiben der Paléogrphie
Musicale und vor allem im unermüdlichen Probieren mit den Sängern,
stets bereit zum Zweifel und zur Revision, wurde der Weg gefunden. Seit 1989
bestanden regelmäßige, kollegiale Verbindungen mit Mitgliedern der
AISCGre sowie zahlreichen Musikwissenschaftlern und Hochschulen.
Im August 1989 organisierte B. Gröbler das "Arbeitsgespräch Choral" im
Ursulinenkloster Erfurt. Es war der Versuch einer Bestandsaufnahme der in der
DDR zerstreuten Bemühungen um eine historisch fundierte und gleichzeitig
pastoral verantwortete Interpretation des Chorals, verbunden mit Informationen
über aktuelle Ergebnisse der Choralwissenschaft durch K. Pouderoijen aus
Vaals und A. Herkenrath aus Essen unter der Schirmherrschaft des Erfurter Bischofs
Joachim Wanke und des Leiters der Liturgischen Komission der EKiDDR.
Auf katholischer Seite waren nach 1945 die Chöre einiger mitteldeutscher
Bischofs- und Pfarrkirchen in der Choralpflege aktiv, so z.B. das Dresdener
Kapellknabeninstitut unter Leitung von Konrad Wagner oder der Chor der Berliner
Hedwigskathedrale unter der Leitung von Michael Witt (der übrigens ursprünglich
ebenfalls Schüler der KAA war). Außerdem lebte der Choral auch an
den wenigen Klöstern Mitteldeutschlands (Huysburg, Marienstern, Mariental).
Was die musikalische Interpretation betrifft, richtete man sich in den 50er
bis 70er Jahren vorwiegend nach den großen stilbildenden westdeutschen
Klöstern Maria Laach und Beuron. In den 80er Jahren gewann durch regelmäßige
Schulungen, die Godehard Joppich in Ostberlin abhielt, die Semiologie an Einfluss.
Nach dem Zweiten Vatikalischen Konzil trat auch in der Katholischen Kirche das
ein, was bei den Evangelischen schon lange der Fall war: Der lateinische Choralgesang
geriet zur Angelegenheit einzelner Gruppen von Enthusiasten. In den Klöstern
übernahm man das Deutsche Antiphonale aus Münsterschwarzach,
lateinische Horen wurden die Ausnahme. Das Deutsche Antiphonale hatte
außerdem starken Einfluss auf die Stundengebetspraxis evangelischer Communitäten.
Die Communität Casteller Ring übernahm es vollständig.
Die Michaelsbruderschaft schuf ein neues Tagzeitenbuch im Stil des Deutschen
Antiphonale, und im Evangelischen Gesangbuch wurden die Psalmodien,
die früher durch die Mahrenholzsche Schule geprägt waren, ebenfalls
dem Deutschen Antiphonale stilistisch angeglichen.
Der
ist 1982 durch B. Gröbler mit Liebhabern des Gregorianischen
Chorals in Jena (Thüringen) gegründet worden, nicht als eingetragener
Verein sondern als Arbeitskreis der Evangelisch - Lutherischen Kirchgemeinde
in Jena. Die Gruppe widmet sich ständig und ausschließlich der Choralpflege.
Dabei legt sie besonderen Wert auf eine an neuen musikwissenschaftlichen Forschungsergebnissen
orientierte historisch fundierte Interpretation. Die Leitung hat Stephan
Seltmann, Kantor an der evangelischen Hauptkirche zu Riesa.
Das Repertoire des Liturgischen
Singkreis Jena umfasst das gregorianische Proprium und Ordinarium Missae
et Officii (alle Gesänge der Messe und der Stundengebete), Tropen und Sequenzen,
darüberhinaus einige der ältesten Organa, ferner ausgewählte
Stücke des altrömischen Repertoires. Offertorien werden einschließlich
der Verse ausgeführt. Der Liturgische Singkreis Jena verwendet in der Regel
restituierte Melodien.

Zur jährlich im Sommer
veranstalteten Gregorianischen Arbeitswoche SCOLA AESTATIS sind alle am
Gregorianischen Choral Interessierten eingeladen. Sie findet seit 1983 statt,
von 1989 bis 1999 im Augustinerkloster Erfurt (dort, wo Martin Luther Mönch
war) und wird seit dem Jahr 2000 im ehemaligen Kloster in Drübeck am Harz
(siehe Bild) abgehalten. Drübeck hat eine schöne romanische Basilika
aus dem 12. Jahrhundert.Nächste Gregorianische Arbeitswoche
Die KIRCHLICHE ARBEIT ALPIRSBACH (KAA) wurde in den 30er Jahren des
vorigen Jahrhunderts gegründet durch Richard Gölz. (Alpirsbach: ein
ehemaliges hirsauisches Kloster im Schwarzwald). Die Gründung hatte unter
anderem die Wiederbelebung des Gregorianischen
Chorals in der evangelischen Kirche zum Ziel. Die KAA ist ein bedeutender
Teil der umfangreichen Liturgischen Bewegung seit Anfang des 20. Jh. in der
deutschen evangelischen Kirche. Später wurde Friedrich Buchholz für
die KAA prägend. Theologisch standen die Gründer der KAA Karl Barth
nahe.
Dagegen sind die Glieder der Evangelisch-Lutherischen Gebetsbruderschaft bekennende
Lutheraner. Dies ist ausschlaggebend für ihre Stellung zum Gregorianischen
Choral gewesen. Denn die Lutherischen Kirchen haben sich im Unterschied zu den
reformierten Kirchen während und nach der Reformation liturgisch konservativ
verhalten. Neben der muttersprachlichen Liturgie hielten sich im Lutherischen
Bereich an vielen Stellen lateinische Riten. In Leipzig z. B. gab es noch im
18. Jh. lateinische Passionsmusik, lateinische Matutin und lateinische Messe!
Aber auch die muttersprachliche Liturgie der lutherischen Landeskirchen in Deutschland
war bis zur Einführung des Gottesdienstbuches der römischen
Urform noch nahe.
Literatur:
[1] Wagner, Peter, Hg., Das Graduale der St. Thomaskirche zu Leipig, Leipzig
1930, Nachdruck Hildesheim 1967, Bde. 1+2
[2] Kunde, Holger et al., Die Chorbücher der Kathedrale, in: Kunde, Holger,
Hg., Der Naumburger Domschatz, Petersberg 2006, S. 71 - 86
[3] Luther, Martin, Deutsche Messe und Ordnung Gotes diensts zu Wittenberg furgenomen,
Augsburg 1526
[4] Koch, Ernst, Fürbitte für die ganze Christenheit, in: Jahrbuch
für Liturgik und Hymnologie 45 (2006) S. 81 - 102
[5] Odenthal, Andreas, "Die lutherische Offiziumsliturgie im Naumburger Dom
...", Jb. f. Liturgik u. Hymnologie, Bd. 48 (2009)
[6] Drinkwelder, Otto, "Ein deutsches Sequentiar aus dem Ende des 12. Jh.",
Graz, Wien 1914
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