Graduale, 14.Jh. aus Erfurt. Karlsruhe, St. Peter. perg. 44

Gregorianik in Mitteldeutschland



aktualisiert: Herbst 2013

Mitteldeutschland ist nicht gerade als bedeutende Region des Gregorianischen Chorals bekannt. Im frühen Mittelalter gehört es gewissermaßen zu den gregorianischen "Empfängerländern". Aus dieser Zeit sind im Vergleich mit West- und Süddeutschland nur wenige liturgische Bücher oder Fragmente erhalten, deren mitteldeutsche Provenienz größtenteils unsicher ist. Immerhin verlagerte sich der Schwerpunkt des Ottonenreiches im 10. Jh., also etwa zu Beginn der Verschriftlichung der Choralmelodien, an den nördlichen Harzrand. Damit ging die Neugründung bzw. Aufwertung kirchlicher Zentren einher. Beispiel Quedlinburg. Quedlinburg beherbergte eine benediktinische Reichsabtei und ein berühmtes Damenstift. Aus Quedlinburg stammen eine Reihe erhaltener hervorragender liturgischer Handschriften:
- Otto-Adelheid-Evangeliar, Domschatz, Katalog Nr. 8. Um 1000. Darin zu Anfang eine neumierte Benedictio cerei (fol. 4v)

- Quedlinburger Antiphonale , um 1050
- Graduale aus Quedlinburg, 2. H. 12. Jh.; Berlin, Staatsbibliothek, Hdschr. mus. 400078, [6]
Obwohl beide Handschriften bedeutende Quellen darstellen - das Antiphonale lässt sich durchaus Sankt Gallen Stiftsbibl. Hs. 390/391 an die Seite stellen und das Graduale entsprechend Graz Universitätsbibl. Hs. 807 - wurden sie in der jüngeren Choralforschung bisher kaum beachtet.

Im späteren Mittelalter nimmt das Gebiet des heutigen Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt an den liturgischen Entwicklungen des übrigen Reiches gleichrangig teil. Zeugnisse hierfür sind beispielsweise das Graduale der Thomaskirche zu Leipzig und die Naumburger Chorbücher [1], [2]. In verschiedenen Bibliotheken Deutschlands findet man spätmittelalterliche liturgische Bücher aus den Domen u.a. von Erfurt, Merseburg, Halberstadt. In jüngster Zeit ist in der Nähe von Jena ein Fragment aufgetaucht, welches Reste eines Missale aus dem Anf. d. 13. Jh. mit Neumennotation und eines Festgraduale des 14. Jh. vereinigt und einige interessante Besonderheiten aufweist.
Nach der Reformation gingen viele lateinische liturgische Bücher verloren. Gleichzeitig bemühten sich zahlreiche evangelische Autoren um die Übertragung liturgischer Gesänge ins Deutsche, wobei auch die Melodien dem Deutschen angepasst wurden [3]. Immerhin blieb im Bereich des Lutherischen Bekenntnisses vereinzelt die altkirchliche Liturgie bis ins 18. Jh. lebendig, so u.a. in Leipzig und an den evangelischen Domstiften [4], [5].
Im 20. Jh. kam es auch in Mitteldeutschland zur liturgischen Erneuerung. Anhänger der verschiedenen evangelischen liturgischen Bewegungen - Kirchliche Arbeit Alpirsbach (KAA), Michaelsbruderschaft und andere- wirkten z.T. an den mitteldeutschen Kirchenmusikhochschulen und befruchteten so das regionale kirchenmusikalische Leben. Seit dem Ende der 1940er Jahre führte zunächst Dr. Erhart Paul regelmäßige Singwochen im Rahmen des Singwochenprogramms der Evangelisch Lutherischen Landeskirche Sachsens durch, bei denen neben Figuralmusik auch Stundengebet nach Alpirsbacher Antiphonale gehalten wurde. Später leitete diese Singwochen der sonst mehr als Cembalist und Organist bekannte Kirchenmusiker Walter Heinz Bernstein aus Leipzig. Beide Kantoren waren bei Friedrich Buchholz in die Lehre gegangen.
In den 1950er Jahren gründeten lutherische Theologiestudenten in Leipzig, die diesem Kreis verbunden waren, die Evangelisch Lutherische Gebetsbruderschaft. Die Hauptanliegen ihres Statutes waren von Anfang an: 1. Lutherisches Bekenntnis (Confessio Augustana), 2. regelmäßige sonntägliche Eucharistie, 3. Breviergebet mit gegenseitiger Fürbitte. Die Evangelisch Lutherische Gebetsbruderschaft benutzt ein eigenes Brevier in deutscher Sprache, das die 150 Psalmen auf vier Wochen verteilt und das gesamte Kirchenjahr umfasst. Die Melodien basieren z.T. auf dem Alpirsbacher Antiphonale mit Ergänzungen von E. Paul und W. H. Bernstein. Auch in den Eucharistiefeiern der Bruderschaft werden deutsche Messgesänge (nach F. Buchholz) verwendet.
Nach 1949 führten die staatliche Trennung von Westdeutschland und der dadurch stark reduzierte Austausch mit Alpirsbach, die eigene musikalische Produktivität von E. Paul und ebenso von W. H. Bernstein sowie der geistige Einfluß der Bruderschaft zur Verselbständigung eines Teils der mitteldeutschen evangelischen liturgischen Bewegung Buchholzscher Prägung. Da die Alpirsbacher Bücher in der DDR nicht käuflich waren, wurden - um nur ein Charakteristikum zu nennen - die Stundengebetshefte handschriftlich kopiert, später handgeschriebene Vorlagen im Lichtpausverfahren vervielfältigt. Dabei kam es natürlicherweise bald zu - mit Alpirsbach nicht abgestimmten - Revisionen, Ergänzungen und Umgestaltungen. Es bleibt zu erwähnen, dass unabhängig von dieser Entwicklung unter der Leitung von Kantor Lothar Fleischer, Plauen, während der Jahre der DDR in Gernrode Alpirsbacher Wochen stattfanden. Hier wurden weiterhin die Alpirsbacher Hefte verwendet, und dieser Teil der ostdeutschen liturgischen Bewegungen schloss sich ohne weiteres nach 1989 wieder der KKA an.
Aus dem Drang nach den Quellen bezog W. H. Bernstein seit Anfang der 80er Jahre regelmäßig ein lateinisches Meßordinarium und ein lateinisches Meßproprium ins Programm der von ihm gegründeten Gregorianischen Arbeitswochen ein. 1982 gründete B. Gröbler, der sich seit Beginn der 70er Jahre den Gregorianischen Singwochen angeschlossen hatte, den Liturgischen Singkreis Jena. Hier bildete von Anfang an der lateinische Choral das Hauptanliegen. 1987 übernahm B. Gröbler auch die Leitung der Gregorianischen Arbeitswochen, im Jahr 2000 folgte ihm S. Seltmann in dieser Funktion.
Beim Übergang der Arbeit des Liturgischen Singkreises Jena vom Alpirsbacher Antiphonale zum lateinischen Choral - also etwa um 1980 - wurde schnell fühlbar, daß es an Kenntnissen zur historisch fundierten Interpretation fehlte. Die Voraussetzungen zur Besserung dieses Zustandes waren in der DDR denkbar schlecht: im Handel keine, in Bibliotheken nur veraltete Fachliteratur, an keiner Universität oder Musikhochschule ein entsprechendes Lehrfach oder aktuell unterrichtete Fachleute, zum Glück in einigen Bibliotheken die Paléographie Musicale.
In Korrespondenzen mit den erreichbaren Mediaevisten (darunter einigen Schülern Heinrich Besselers), in mühsamer Beschaffung von moderner Literatur von jenseits der Grenzen des Ostblocks, im fleißigen Abschreiben der Paléogrphie Musicale und vor allem im unermüdlichen Probieren mit den Sängern, stets bereit zum Zweifel und zur Revision, wurde der Weg gefunden. Seit 1989 bestanden regelmäßige, kollegiale Verbindungen mit Mitgliedern der AISCGre sowie zahlreichen Musikwissenschaftlern und Hochschulen.
Im August 1989 organisierte B. Gröbler das "Arbeitsgespräch Choral" im Ursulinenkloster Erfurt. Es war der Versuch einer Bestandsaufnahme der in der DDR zerstreuten Bemühungen um eine historisch fundierte und gleichzeitig pastoral verantwortete Interpretation des Chorals, verbunden mit Informationen über aktuelle Ergebnisse der Choralwissenschaft durch K. Pouderoijen aus Vaals und A. Herkenrath aus Essen unter der Schirmherrschaft des Erfurter Bischofs Joachim Wanke und des Leiters der Liturgischen Komission der EKiDDR.
Auf katholischer Seite blieben nach 1945 die Chöre einiger mitteldeutscher Bischofs- und Pfarrkirchen in der Choralpflege aktiv, so z.B. das Dresdener Kapellknabeninstitut unter Leitung von Konrad Wagner oder der Chor der Berliner Hedwigskathedrale unter der Leitung von Michael Witt (der übrigens ursprünglich ebenfalls Schüler der KAA war). Außerdem lebte der Choral auch an den wenigen Klöstern Mitteldeutschlands (Huysburg, Marienstern, Mariental). Was die musikalische Interpretation betrifft, richtete man sich in den 50er bis 70er Jahren vorwiegend nach den großen stilbildenden westdeutschen Klöstern Maria Laach und Beuron. In den 80er Jahren gewann durch regelmäßige Schulungen, die Godehard Joppich in Ostberlin abhielt, die Semiologie an Einfluss.
Nach dem Zweiten Vatikalischen Konzil trat auch in der Katholischen Kirche das ein, was bei den Evangelischen schon lange der Fall war: Der lateinische Choralgesang geriet zur Angelegenheit einzelner Gruppen von Enthusiasten. In den Klöstern übernahm man das Deutsche Antiphonale aus Münsterschwarzach, lateinische Horen wurden die Ausnahme. Das Deutsche Antiphonale hatte außerdem starken Einfluss auf die Stundengebetspraxis evangelischer Communitäten. Die Communität Casteller Ring übernahm es vollständig. Die Michaelsbruderschaft schuf ein neues Tagzeitenbuch im Stil des Deutschen Antiphonale, und im Evangelischen Gesangbuch wurden die Psalmodien, die früher durch die Mahrenholzsche Schule geprägt waren, ebenfalls dem Deutschen Antiphonale stilistisch angeglichen.

Der

Liturgische Singkreis Jena

ist 1982 durch B. Gröbler mit Liebhabern des Gregorianischen Chorals in Jena (Thüringen) gegründet worden, nicht als eingetragener Verein sondern als Arbeitskreis der Evangelisch - Lutherischen Kirchgemeinde in Jena. Die Gruppe widmet sich ständig und ausschließlich der Choralpflege. Die Leitung hat Stephan Seltmann, Kantor an der evangelischen Hauptkirche zu  Riesa.
Das Repertoire des Liturgischen Singkreis Jena umfasst das gregorianische Proprium und Ordinarium Missae et Officii (alle Gesänge der Messe und der Stundengebete), Tropen und Sequenzen, darüberhinaus einige der ältesten Organa, ferner ausgewählte Stücke des altrömischen Repertoires. Offertorien werden einschließlich der Verse ausgeführt. Der Liturgische Singkreis Jena verwendet in der Regel restituierte Melodien.

Mitglieder des Liturgischen Singkreis Jena
1 Tilman Ludwig, 2 Torsten Woitkowitz, 3 Bernhard Gröbler,
4 Gottfried Schumann, 5 Christof Ott, 6 Michael Selle,
7 Reinhard Müller, 8 Stephan Seltmann (Bild ca. 2000)


Die Gregorianische Arbeitswoche
SCOLA AESTATIS

Zur jährlich im Sommer veranstalteten Gregorianischen Arbeitswoche SCOLA AESTATIS sind alle am Gregorianischen Choral Interessierten eingeladen. Sie findet seit 1983 statt, von 1989 bis 1999 im Augustinerkloster Erfurt (dort, wo Martin Luther Mönch war) und wird seit dem Jahr 2000 im ehemaligen Kloster in Drübeck am Harz (siehe Bild) abgehalten. Drübeck hat eine schöne romanische Basilika aus dem 12. Jahrhundert.
Die Woche will den Teilnehmern den Gregorianischen Choral nahebringen bzw. - bei schon vorhandenen Vorkenntnissen - eine Gelegenheit zum intensiven Praktizieren bieten. Zielgruppen sind Gemeindeglieder, Kantoren, Musiker, Theologen, Studierende dieser Fachrichtungen, Teilnehmer aus allen christlichen Konfessionen. Die Teilnehmerzahl bewegt sich bei 30. Der Tagesablauf gliedert sich in vier Horen (deutsch nach dem Leipziger Brevier), zwei bis drei Singübungen, ein tägliches theologisches Seminar und Abendprogramm. Es wird eine lateinische Messe einstudiert (Ordinarium und Proprium) und am Ende der Woche gefeiert. Die Veranstaltung wird unter der Schirmherrschaft der Evangelisch - Lutherischen Landeskirche Sachsens durchgeführt.
Die Leitung der Gregorianischen Arbeitswoche hat Stephan Seltmann, Kantor an der evangelischen Hauptkirche zu  Riesa. Er studierte Kirchenmusik an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Dresden (wo er gegenwärtig auch als  Dozent für Liturgik und Gregorianischen Gesang tätig ist) und anschließend zwei Jahre Gregorianischen Choral in Paris am Conservatoire. Seine erste Berührung mit der (deutschen) Gregorianik hatte er bereits in den Ferienkonventen der Evangelisch Lutherischen Gebetsbruderschaft. Seit 1986 nahm er bei B. Gröbler an den Gregorianischen Arbeitswochen teil.

Nächste Gregorianische Arbeitswoche



Die KIRCHLICHE ARBEIT ALPIRSBACH (KAA) wurde in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet durch Richard Gölz. (Alpirsbach: ein ehemaliges hirsauisches Kloster im Schwarzwald). Die Gründung hatte unter anderem die Wiederbelebung des Gregorianischen Chorals in der evangelischen Kirche zum Ziel. Die KAA ist ein bedeutender Teil der umfangreichen Liturgischen Bewegung seit Anfang des 20. Jh. in der deutschen evangelischen Kirche. Später wurde Friedrich Buchholz für die KAA prägend. Theologisch standen die Gründer der KAA Karl Barth nahe.
Dagegen sind die Glieder der Evangelisch-Lutherischen Gebetsbruderschaft bekennende Lutheraner. Dies ist ausschlaggebend für ihre Stellung zum Gregorianischen Choral gewesen. Denn die Lutherischen Kirchen haben sich im Unterschied zu den reformierten Kirchen während und nach der Reformation liturgisch konservativ verhalten. Neben der muttersprachlichen Liturgie hielten sich im Lutherischen Bereich an vielen Stellen lateinische Riten. In Leipzig z. B. gab es noch im 18. Jh. lateinische Passionsmusik, lateinische Matutin und lateinische Messe! Aber auch die muttersprachliche Liturgie der lutherischen Landeskirchen in Deutschland war bis zur Einführung des Gottesdienstbuches der römischen Urform noch nahe. 


Literatur:
[1] Wagner, Peter, Hg., Das Graduale der St. Thomaskirche zu Leipig, Leipzig 1930, Nachdruck Hildesheim 1967, Bde. 1+2
[2] Kunde, Holger et al., Die Chorbücher der Kathedrale, in: Kunde, Holger, Hg., Der Naumburger Domschatz, Petersberg 2006, S. 71 - 86
[3] Luther, Martin, Deutsche Messe und Ordnung Gotes diensts zu Wittenberg furgenomen, Augsburg 1526
[4] Koch, Ernst, Fürbitte für die ganze Christenheit, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 45 (2006) S. 81 - 102
[5] Odenthal, Andreas, "Die lutherische Offiziumsliturgie im Naumburger Dom ...", Jb. f. Liturgik u. Hymnologie, Bd. 48 (2009)
[6] Drinkwelder, Otto, "Ein deutsches Sequentiar aus dem Ende des 12. Jh.", Graz, Wien 1914
 

Gregorianik - Links

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- Seite der deutschsprachigen Sektion der Associazione Internationale Studi di Canto Gregoriano (AISCGre)
- Seite der Gregorian Association (UK), hier eine Reihe von guten Begriffserklärungen
- Canto Gregoriano (Heidelberg)
- Seite mit niederländischen und belgischen Gregorianik-Informationen
- Seite der Uni Princeton
- Seite der Evangelisch-Lutherischen Gebetsbruderschaft


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Dr. Bernhard Gröbler, Alte Dorfstraße 2e, 07751 Jena , webmaster@plainsong.de


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